Datenschleuder: Nbsp 301 - Permanently Moved

Der Nobreakspace, der Lübecker Hackspace des Chaotikum ist umgezogen. Wie plant und gestaltet man einen Umzug in einem fairen und kommunikativen Prozess? Ein Erfahrungsbericht.

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“Hier passen wir doch nie alle rein.” Der Nobreakspace in Lübeck braucht ein neues Zuhause und wir sind schon seit Monaten auf der Suche. Jetzt stehen wir in schönen und bezahlbaren Souterrain-Räumen direkt neben dem Lübecker Hauptbahnhof. Allerdings sind die mit 65 Quadratmetern zu klein für uns. Wir haben die Besichtigung gerade als eine der vielen vergeblichen abgehakt, da fällt dem Vermieter noch etwas ein: “Da ist auch noch ein weiterer Kellerraum direkt daneben, ich könnte da auch eine Tür in die Wand setzen.” Plötzlich werden es über 90 Quadratmeter und alles beginnt, sich zu fügen.

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Bislang war der vom Chaotikum betriebene Nobreakspace (kurz Nbsp) beim Museum Buddenbrookhaus in Lübeck zu einer zu vernachlässigbaren Miete untergekommen. Unsere alte Loft bot 125 Quadratmeter in der Lübecker Altstadt, aber im Zuge einer Neugestaltung des Museum wird das Haus demnächst abgerissen. Deswegen brauchen wir jetzt recht dringend neue Räume und stehen vor dem Problem, dass wir diese Räume auch zum ersten Mal zu einem normalen Preis mieten müssen. Entsprechend haben wir viel kalkuliert und ganz lange gesucht.

Nun hat das Chaotikum also neue Räume gefunden. Die bieten zwar weniger Platz, aber durch die stärkere Aufteilung bieten sie viele neue Möglichkeiten. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: Wie wollen wir den neuen Space gestalten? Wie findet man als große heterogene Gruppe von Chaoten hier einen Konsens, der für alle funktioniert? Kurz: Wie plant und gestaltet man einen Umzug in einem fairen und kommunikativen Prozess?

Erste Erkenntnis der frühen Debatten: Ein Hackspace ist für jeden etwas anderes: Wer zum Space kommt, um in kleiner Gruppe konzentriert zu arbeiten, braucht Tageslicht, Schreibtische und Stühle und vor allem Ruhe. Wer kommt, um zu basteln, braucht gute Werkzeuge, eine stabile Werkbank und muss Krach machen dürfen. Schließlich ist der Space für viele auch ein Ort zum Entspannen, Klönen, Pizzaessen oder Videoschauen. Dafür muss er gemütlich und einladend eingerichtet sein. Fazit: Kein Anspruch an den Hackspace ist falsch, solange er die Ansprüche anderer nicht unverhältnismäßig einschränkt.

Raumplanung im Konsens

Wie plant man die Einrichtung des neuen Spaces so, dass alle mitmachen können und insbesondere auch alle mitbekommen, was der aktuelle Plan ist? Ein virtuelles 3D-Modell wäre cool, dann könnte jeder immer sehen, was die aktuelle Idee ist. Während wir noch überlegt haben, wie man am besten gemeinsam ein 3D-Modell editieren kann, hat einfach mal jemand den Grundriss auf unserem Plotter in A0 ausgedruckt und auf einem Tisch ausgebreitet. Über diesem Tisch haben wir dann diverse Ideen diskutiert und im Laufe der Zeit kamen auch immer mehr 3D-Drucke und Skizzen von Möbeln im richtigen Maßstab dazu. Eine Webcam über dem Tisch hat alle 15 Minuten ein Foto gemacht.

Auf dem Plan konnten nun alle Möbel aufstellen, umstellen verschieben oder wieder wegstellen um eine Vorstellung zu entwickeln, was wie in welchem Raum stehen sollte oder könnte. Jede Person hatte das gleiche Recht alles über den Haufen zu werfen und einen völlig neuen Vorschlag zu machen und zu schauen, was davon übrig bleibt. So setzten sich langsam gewisse Ideen durch: Der durch die neue Tür vom Vermieter angebundene Kellerraum wird unsere Werkstatt, dann können wir endlich hämmern, bohren und fräsen ohne alle anderen zu stören. Der Eingangsbereich wird zu einem gemütlichen Raum mit schummrigem Licht und Sofas und entlang der Fensterfront entsteht ein heller Arbeits- und Vortragsbereich. Mit den ersten konkreten Plänen konnte die Arbeit beginnen.

Unser Anspruch war und ist, dass bei uns niemand Dinge einfach bestimmt, sondern sich alles aus der Gruppe ergibt. Trotzdem muss aber irgendwann auch einfach mal mit dem Streichen der Räume begonnen werden. Wir können nicht ewig über die Farbe der Wände diskutieren. Also haben wir folgende Planungsbürokratie erfunden: Jeder, der aktiv loslegen will, schreibt einen formlosen Antrag über unsere Mailingliste. Dann können alle die Idee eine Zeit lang diskutieren und wenn sich allgemeine Zustimmung breit macht, bestätigt der Vorstand, dass die Kosten vom Verein übernommen werden. Der Antragsteller kann dann loslegen und Möbel kaufen, streichen oder Netzwerkkabel verlegen.

Gemeinsam gestalten heißt nicht stressfrei gestalten

Es war nicht immer einfach, das richtige Maß und die richtige Form an Kommunikation zu finden. Wer einen Antrag schreibt, ist mit Herzblut dabei und findet seine Idee super. Wenn es dann Kritik hagelt, fühlt sich das nicht gut an: Die anderen müssen doch sehen, wie genial, die Idee ist. Warum nörgeln alle nur an überwindbaren Kleinigkeiten herum, statt die kreative Idee weiterzuentwickeln? Die Debatten waren nicht immer stressfrei. Ganz im Gegenteil: Vorschläge, die von einigen besonders gewollt und von anderen strikt abgelehnt wurde, drohten das Projekt als ganzes zu verzögern. Handfester Streit, Enttäuschung und Frustration waren auch Teil der Planungsphase. Für die meisten war es aber möglich, sich letztendlich zu einigen und zu einem Ergebnis zu kommen, dass sie gemeinsam tragen konnten.

Renovieren, streichen, über 1 km Netzwerkkabel verlegen, Server erneuern, neue Möbel bauen und kaufen, all das will natürlich auch finanziert werden. Über eine Kampagne bei Betterplace und andernorts haben wir über 2.200 Euro gesammelt. Dabei haben wir gelernt, dass Menschen am liebsten für eine ganz konkrete Sache spenden. Man kann zwar auch für eine abstrakte Sache wie einen Umzug Spenden sammeln, aber für einen neuen leistungsstarken und stromsparenden Server klappt das viel besser. Ein kleines erreichbares Ziel wie 90 Euro für Mehrfachsteckdosen für die neuen Arbeitstische motiviert besonders zum Spenden. Entsprechend wichtig war es, alle Pläne vernünftig zu kommunizieren und detailliert öffentlich zu beschreiben: In regelmäßigen Blogposts berichteten wir auf unserer Website von unserem Umzug, den aktualisierten Plänen und dem Fortschritt.

Die nächste Herausforderung ist die praktische Umsetzung der Pläne. Es fehlt nie an Freiwilligen und helfenden Händen. Die spontane Ansage “Wir sind jetzt im neuen Space und streichen, wer macht mit?” mobilisierte fast immer einige Leute. Schwieriger ist es da schon, auch immer alle einzubinden, die mitmachen wollen: “Ach, ihr seid schon fertig? Warum habt ihr denn nicht Bescheid gesagt?” Klare Termine und klare Ansagen, was genau eigentlich gemacht werden soll, erlaubt es allen, sich einzubringen. Das ist aber nicht immer so einfach, denn wir wissen alle: Die guten Ideen kommen spontan und nicht gemäß Projektplan.

Je näher das Wochenende des Umzugs rücke, desto vielfältiger und dringender wurden die Aufgaben. Auch die Frage, was mit umgezogen wird und was direkt entsorgt werden kann, wird langsam akut: Der allgemeine Konsens, dass wir uns von einigen Sachen trennen müssen, war schnell gefunden. Die neuen Räume sind deutlich kleiner als die alten. In unserem Space gab und gibt es aber sehr viele private Sachen, die nicht dem Verein gehören. Da muss jeder selber aussortieren und es halfen nur regelmäßige Ermahnungen. So kamen am Ende über 300 kg Elektroschritt zusammen, die schon mal nicht mehr mit umziehen mussten. Trotzdem gibt es auch im neuen Space noch viel zu viele Dinge, von denen wir noch nicht so genau wissen, was das eigentlich ist, wem das gehört und wofür wir das brauchen. Wegschmeißen hat immer so etwas beunruhigend endgültiges.

Es geht los, wir ziehen um

Schließlich kam der große Tag des eigentlichen Umzugs und alles war gut vorbereitet. Mit roten Aufklebern waren Möbel und Elektronik markiert, die entsorgt werden sollen. Alles, was mit umzieht, hat einen grünen Aufkleber. So wussten auch alle, die bei den Planungen nicht dabei waren, genau Bescheid. Bis die Frage kam: “Wie habt ihr denn den ganzen Kram mit den gelben Aufklebern auch eingepackt? Das sollte doch verschenkt werden!” Nach kurzer Verwirrung wurde klar: Es gab auch noch gelbe Aufkleber. Gelb war alles markiert, was nicht mitgenommen werden soll, aber auch nicht direkt entsorgt. Vielleicht kann das ja noch jemand gebrauchen. Leider sahen die gelben Aufkleber im falschen Licht schon auch sehr grün aus.

Trotz kleinere Pannen ging am Ende dank guter Vorbereitung alles viel schneller als geplant. Ganz eifrige mussten am Tag vor dem eigentlichen Umzug schon gestoppt werden: “Da kommen morgen ganz viele Leute, die bei einem Umzug helfen wollen. Lasst denen noch was vom Umzug übrig.”” Und es kamen wirklich viele Helfer, nicht nur aus Lübeck sondern auch zum Beispiel aus Schwerin. (An dieser Stelle vielen Dank!) Von den geplanten 16 Stunden haben wir beide gebraucht.

Was wir durch den Umzug gelernt haben: Wir können viele Helfer mobilisieren und zusammen konnten wir den neuen Space sehr schnell in einen einsatzbereiten Zustand versetzen. Der Drang, alles gemeinsam und sehr schnell zu erledigen, hat zu vielen spontanen Improvisationen geführt. Nachdem der Aktionismus des Umzugs jetzt ein wenig verflogen ist, fangen wir an, uns dauerhaft an diese Übergangslösungen zu gewöhnen. Nichts hält länger als ein Provisorium. Vielleicht hätten wir kurzfristig doch schlechtere Lösungen schaffen sollen: Was alle so sehr nervt, dass es nicht auf Dauer so bleiben kann, wird vielleicht irgendwann noch mal richtig gut gemacht. Der spontan angeschlossene Monitor und die erst mal in die Ecke gestellten Kisten hingegen bleiben durchaus länger so stehen als ursprünglich geplant. Die Plastikboxen, die auch für dauerhafte Aufbewahrung taugen, als Umzugskartons zu verwenden, ist gar nicht so schlau: Wir haben einfach alles sehr zufällig in gut stapelbare Plastikboxen verpackt. In unserem Lager ist auch jetzt noch einiges eher zufällig auf diverse Boxen verteilt. Aus echten Umzugskartons hätte man es vermutlich längst auspacken und gut einsortieren müssen.

Das ist nun die nächste Herausforderung, aus einem Provisorium genau den Nbsp zu machen, den wir uns wünschen. Auch wieder mit dem Anspruch, Entscheidungen in der Gruppe zu treffen und alle einzubeziehen.

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